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Gustav Adolfs Leichenzug

Leseprobe: Gustav Adolfs Leichenzug – Spurensuche

Prolog

Seit Jahren schon fesselt mich die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs aus historischer Sicht im Bezug auf Eilenburg mit dem damit verbundenen Wirkens des damaligen Archidiakons Martin Rinckart (Schöpfer des Chorals „Nun danket alle Gott“ und Retter der Stadt vor der Brandschatzung der Schweden in dieser Zeit) und als bekennender Christ im Bezug auf die Rettung des Protestantismus in Nord- und Mitteldeutschland durch das Eingreifen des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf in dieses Glaubensgemetzel. In meiner letzten Predigt zu Lukas 7,11-16 in Tabarz am 23. September 2007 würdigte ich die Großtat dieses Glaubenshelden aus Anlass seines 375. Todestages und des 175. Jahrestages des Gustav-Adolf-Werkes mit folgenden Worten: „Ihm (Gustav Adolf) haben die Menschen viel zu verdanken. Er war es gewesen, der sich Dank seines Glaubens auf den Weg gemacht hatte, den Protestantismus in Deutschland zu retten, er war es gewesen, der die Lehren Luthers nicht untergehen lassen wollte.“

Gustav Adolf auf einem Gemälde

Gustav Adolf auf einem Gemälde

Der Chronist Jeremias Simon veröffentlichte 1696 seine Chronik über Eilenburg und darin führte er den Leser in aller Ausführlichkeit in die Geschehnisse des Dreißigjährigen Kriegs in und um Eilenburg ein. Das Erscheindatum der Chronik offenbart schon, dass Simon zeitlich sehr nah an diesen Ereignissen war. Wenn er auch selbst die schreckliche Zeit des Krieges nicht miterlebt hat, so ist jedoch die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass er mit Zeitzeugen darüber gesprochen haben muss. Er schildert darin auch die Tage um den 6. November 1932 – also den Tag, an dem der Schwedenkönig bei Lützen ums Leben kam und den Tag, wo der Leichenzug Eilenburg passiert. Simon beschreibt den Leichenzug nur mit wenigen Worten: „Unter andern wurde auch den 26. Nov. der Königl. Majest. in Schweden / höchstseliger Gedächtniß / todter Leichnam / mit einer Convoy von 4000. Mann allhier eingebracht / eine Nacht im Rothen Hirsche beygesetzt / und vielen Leuten gezeiget / folgenden Tages aber auff Wittenberg geführet; und von dar weiter in Schweden überbracht.“ (1)

Die Eilenburger Geschichte weiß weiter zwei Dinge zu berichten: Zum einen nimmt die Eilenburger Obrigkeit mit ihrem Geistlichen Martin Rinckart an der Spitze Abschied am Sage des Schwedenkönigs und zum anderen gibt es die verbürgte Überlieferung, dass in dieser Nacht die Kriegskasse der Schweden – bestehend aus 30 Fässern voll Gold und Geschmeide – in Eilenburg abhanden gekommen sei. Heute ist man der Meinung, dass genau diese Geschichte in vielen Orten die Runde macht, wo der Leichenzug Station hielt. Das war einer der Ausgangspunkte für mich, dem Phänomen einmal nachzugehen und den Weg des Schwedenkönigs bis nach Wolgast nach zuverfolgen.

Zu Beginn der Suche lagen mir nur spärliche Informationen dazu vor. Lediglich Weißenfels, Eilenburg, Wittenberg und Wolgast waren in den unterschiedlichsten Publikationen dokumentiert. Erst über meine Recherchen – und da spezielle in Spandau – stieß ich auf Berthold Kitzig und seine Nachforschungen vor nunmehr 72 Jahren. Zwischen Kitzig und dem Heute liegen immerhin die Zeit des Zweiten Weltkrieges und 40 Jahre Sozialismus und das exakt im dem Territorium, durch das sich der Leichenzug damals vor 375 Jahren bewegt hat. Wie sich im Laufe der Nachforschung erwies, ist heute mehr denn je von dem verschüttet, was Kitzig einst erforscht hat. Das soll auch das Ziel der Arbeit sein – aufzuzeigen, wie die Menschen damals (1632/33) Anteil nahmen an der traurigen Prozession ihres Glaubenshelden quer durch Mittel- und Norddeutschland und wo nun genau die Orte sind, in denen der Leichenzug Station gemacht hat.

Der Löwe aus Mitternacht

Gustav II. Adolf übernimmt im Alter von 17 Jahren (1611) nach dem Tod seines Vaters den schwedischen Thron sowie einige ungelöste Aufgaben. Er ist in seinem Denken und Handeln durch den Protestantismus und durch Deutschland beeinflusst: Seine Mutter war eine lutherische Herzogin von Holstein, auf deutschen Universitäten war sein Hauslehrer ausgebildet worden. Als 26-jähriger bereist Gustav II. Adolf Deutschland vom Norden bis zum Süden. Am Ende dieser Reise nimmt er die Tochter des Kurfürsten von Brandenburg, Maria Eleonora (1599-1655), zur Gemahlin. Mehr und mehr nimmt er Anteil am Schicksal des deutschen Protestantismus im Dreißigjährigen Krieg. Gustav Adolf gewährt Glaubensverfolgten Asyl (1627) und entschließt sich (1629) in den Krieg einzugreifen: Er landet (1630) mit seinem Heer in Pommern und gewinnt in der Schlacht von Breitenfeld vor den Toren Leipzigs (17.9.1631) die Freiheit für das gesamte evangelische Nord- und Mitteldeutschland. Die 16 Monate seines Eingreifens in den Krieg führen die Rettung des Protestantismus herbei. Gustav II. Adolf stirbt in der zwar siegreichen, aber für ihn tödlichen Schlacht bei Lützen.

Lützen

6. November 1632 – Schlacht bei Lützen: „In der nasskalten Novembernacht suchten die Schweden nach dem Leichnam ihres Königs. Sie fanden ihn endlich; er war an einer Schusswunde zwischen dem rechten Ohr und Auge gestorben, wies aber noch andere Wunden auf, einen Dolchstoß und einen Schuss in der Seite, zwei Kugeln im Arm und eine – was wilde Gerüchte von Verrat zur Folge hatte – im Rücken. Er lag auf der feindlichen Seite des umstrittenen Grabens nackt unter einen Haufen Toter. Die Stille eines unaussprechbaren Schmerzes hing diese Nacht über dem ganzen Lager, bei Schweden und Deutschen, Schotten, Engländern, Iren, Polen, Franzosen und Holländern, bei den Söldnern wie bei seinen Untertanen.“ (2) So beschreibt Wedgwood die Situation auf dem Schlachtfeld und den Tod des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf.

Schlacht bei Lützen

Schlacht bei Lützen

Der Tod des Schwedenkönigs wurde von den Protestanten tief betrauert. Es war in allen Gebieten eine Trauer, die das Herz des Volkes innigst tief bewegte. Dies kam vielerorts in den Gedenkpredigten, Lidern und Gedichten zum Ausdruck. Gleichzeitig kam beim Volk wieder die Sorge um die Zukunft auf – was kommt jetzt? Alle empfanden, „was Richelieu sagte: »Il Valait seul plus que les deux armées« (Er allein war mehr wert als die beiden Armeen).“ (3) Die Leiche des Königs wird auf dem Schlachtfeld geborgen und zunächst nach Meuchen gebracht. Hier beginnt der Leichenzug.

Das Grabmal in Lützen.

Das Grabmal in Lützen.

Die Darstellung des Leichenzuges in der aktuellen Literatur

In den Büchern über den Dreißigjährigen Krieg bzw. Gustav Adolf Biographien von Ricarda Huch (1914), Peter Milger (1998) oder Georg Schmidt (1999) wird mit keinem Satz der Leichenzug Gustav Adolfs erwähnt.

Etwas ausführlicher geht Marcus Junkelmann auf den Leichenzug ein. Er schreibt in seinem Buch, dass der Leichnam mehrere Wochen in Weißenfels verblieb, bis die lange Trauerprozession bis an die Ostseeküste begann. Die stimmt so nicht – heute wird davon ausgegangen, dass die Leiche maximal drei Tage in Weißenfels war. Bezüglich des Geleits benennt Junkelmann die smaländische Reiterei und die Reste von Nils Brahes alter Brigade. Als Stationen gibt er Wittenberg an, wo „der Sarg eine Nacht in der Schloßkirche“ stand – „dem Ausgangspunkt der Reformation“ (4) und dann noch Wolgast selbst.

Eduard Lamparter, der als Zwischenstation nur Wittenberg benennt, beschreibt die Anteilnahme des Volkes mit den Worten: „Ueberall strömte das Volk in Scharen zusammen, um wehklagend dem teuren Toten eine Strecke das Geleit zu geben. Von den Kirchen herab ertönte Trauergeläute; das evangelische Deutschland brachte seinem Retter die letzte wehmutsvolle Huldigung.“ (5)

Nachweislich falsch schildert Felix Berner dieses Ereignis, in dem er schreibt: „Man ließ sie (Maria Eleonora) erst im Dezember (1632) nach Weißenfels reisen, wo der König immer noch aufgebahrt lag.“ (6)

Schwede beschreibt den Leichenzug als die „elegische »Gustavstraße« durch die deutschen Länder bis Greifswald und Wolgast.“ (7) Greifswald war, wie diese Arbeit zeigen wird, keine Station auf dem Weg des Leichenzuges.

Auch Ernst Blümel nimmt sich den Stationen des Leichenzuges in seinem 1894 erschienenen Büchleins an. Er beschreibt die Stationen Meuchen, Weißenfels, Wittenberg und Wolgast – wenn auch nur kurz und, wie sich zeigen wird, teilweise falsch. Er schreibt z.B. völlig irrelevant, dass „die königliche Leiche  in einem metallenen Sarg vom Schlosse zu Weißenfels mit Beginn des Frühjahres 1633 quer durch Deutschland gefahren wurde.“ (8) Auf ähnlich falscher Fährte bewegt sich Hermann Daum, wenn er im Epilog zu seiner Epischen Dichtung schreibt: „Die Leiche wurde nach Meuchen, dann nach Weißenfels gebracht und dort vorläufig beigesetzt. Erst im folgenden Sommer wurde sie nach Wolgast und von da zu Schiff nach Schweden gebracht.“ (9)

Die Nachforschungen des Pfarrer Berthold Kitzig

Berthold Kitzig hat sich zunächst in seinem Buch „Gustav Adolf, Jacobus Fabricius und Michael Altenburg – die drei Urheber des Liedes »Verzage nicht, du Häuflein klein!«“ (1935) mit dem Leichenzug Gustav Adolfs beschäftigt. Der Grund für ihn war festzustellen, wer denn nun wirklich der Urheber des o.g. Liedes war: Entweder der Sömmerdaer Pfarrer Michael Altenburg oder Gustav Adolfs Feldprediger Jacobus Fabricius. Dabei kam Kitzig nicht umhin, die Stationen des Leichenzuges ausfindig zu machen.

Während sich Kitzig in seinem Werk von 1935 mit der Quellenforschung in Deutschland begnügt – was im Zusammenhang mit seiner Liedgutforschung auch vollkommen ausreichte – wendet er sich nach Erscheinen des Werkes auch ausländischen Quellen zu. Besonders schwedische Bibliotheken und die Schriftensammlungen speziell in Stockholm werden für ihn interessant. Kitzig hatte schon lange zuvor festgestellt, das der Leichenzug „bis 1935 nie zusammenhängend dargestellt worden“ war. (10) Das Ergebnis – das verbesserte Ergebnis – veröffentlichte er im Jahr 1939 im Band 21 der Forschungen zur Brandenburgischen-Preußischen Geschichte (FBPG) unter dem Titel „Der Leichenzug Gustav Adolfs“. Wie aus den Zeilen des Pfarrers zu entnehmen war, hatte er sich mit dem Fahrrad auf Spurensuche von Weißenfels bis hinauf nach Wolgast begeben – eine heute schier undenkbare Leistung.

Im nachfolgenden Teil der Arbeit lege ich die Stationsbeschreibung nach Kitzig aus dem Jahr 1939 zu Grund. Es existiert in der Zeit nach Kitzig kein mir bekanntes Werk bzw. keine mir bekannte Arbeit, die diesen Weg des Leichenzuges erneut erforscht hat. Im Gegenteil – auf meinem Weg von Stadt zu Stadt wurde deutlich, dass heute in vielen Orten das Ereignis von vor 375 Jahren völlig verschüttet gegangen ist. Nur in wenigen Städten ist der Leichenzug Gustav Adolfs heute noch Bestandteil der städtischen Chronik – in machen weiß man an offizieller Stelle nichts mehr davon und man bat mich inständig – sollte ich etwas herausbekommen – umgehend Bescheid zu geben… Damit ist wohl alles gesagt.

Die Stationen nach Kitzig und Nachfragen dazu in der Gegenwart
6.11.1632
Lützen - Meuchen

Wer heute in Geschichtsbüchern über die Ereignisse bei Lützen nachforscht, der bekommt zumindest zu dieser Station etliche Hinweise. 3 km von Lützen entfernt befindet sich der heutige Ortsteil Meuchen. In der Kirche von Meuchen wurde die Leiche Gustav Adolfs nach der Schlacht am Abend des 6. November 1632 aufgebahrt und gesäubert. Ein Schullehrer – so wird berichtet – hielt eine einfache Totenfeier und „noch in der Nacht öffnete man die Leiche und beerdigte einen Teil der Eingeweide in der Kirche.“ (11) Der Schullehrer, der nach Lamparter gleichzeitig Schreiner war, fertigte einen einfachen Sarg. Von hier aus wurde die Leiche nach Weißenfels gebracht.

Selbst in der Epischen Dichtung von Hermann Daum (12) aus dem Jahr 1883, lassen sich diese beiden Stationen in Versform wiederfinden:

Dann nach Meuchen brachten sie
Bei der Fackeln rothem Scheine
Ihres todten Königs Leib,
Daß er dort gereinigt werde
Und bekleidet, wie sich’s ziemte. –
So geschah’s. Und weiter zogen
Sie gen Weißenfels am Morgen,
Daß der Leichnam beigesetzt
Werde dort an heil’ger Stätte,
Bis des Kanzlers Weisung käme.

Kitzig beschreibt den Aufenthalt der Leiche in Meuchen (das Dorf hieß übrigens damals noch Chursitz) als außerordentlich kurz – „nur soviel Minuten, wie man zu notdürftiger Reinigung des auf der Wahlstatt beschmutzten und entstellten Königsleichnams brauchte“.(13) Alle heutigen Geschichten von Einbalsamierung, Gedenkgottesdienst und Sarganfertigung dürfte eine „spätere Legend der mit Recht stolzen Meuchener Einwohner sein.“ (14) Kitzig schließt nicht einmal aus, dass man vielleicht in Meuchen lediglich den Leichnam vom Artilleriewagen – mit dem man ihn auf dem Schlachtfeld geborgen hatte – auf des Königs Reisewagen umlud.

7./10.11.1632
Weißenfels

Meine Spurensuche ging dann weiter in Weißenfels, wo ich schnell fündig wurde. Die Geschichte um den toten Gustav Adolf ist ein Teil der Stadtchronik und wird heute noch – zum Teil sehr gewinnbringend – vermarktet. So wird also jedem Fremden erzählt, das am 7. November 1632 der Leichnam vom Apotheker Casparus König im Erkerzimmer des „Geleitshauses“ – heute eine gut gehenden Gaststätte im historischen Stil – in Weißenfels seziert und einbalsamiert wurde. Casparus König sah dabei alle Verwundungen und zählte „fünf Schüsse, drei Hiebe und einen Stich.“ (15) Die Leiche des Schwedenkönigs Gustav Adolf wurde so für den Trauerzug nach Skandinavien vorbereitet. Noch heute sei ein Blutfleck im Erkerzimmer sichtbar. Bei der Obduktion spritzte königliches Blut an die Wand, wie eine Urkunde versichert. Böse Zungen behaupten allerdings, spätere Generationen hätten den Fleck regelmäßig mit roter Tinte aufgefrischt. Weiter wird berichtet, dass dort zum letzten Mal Maria Eleonore ihren Gatten sah, bevor er einbalsamiert wurde. Blümel erweitert den Weißenfelser Bericht um folgende Legende: „Die Eingeweide wurden in der dortigen Stadtkirche beigesetzt. Das Herz Gustav Adolfs nahm, wie man erzählt, die in Schmerz aufgelöste unglückliche Königin Maria Eleonore an sich. Sie verwahrte es in goldener Kapsel und führte es stets mit sich. Nach Jahren wurde ihr das theure Andenken auf Beschluß des Reichsrathes abgenommen, »damit sie keine Abgötterei damit treibe.« Jedenfalls fand das Herz des edlen Königs dann in dem Sarge Ruhe, der seine Leiche umhüllte.“ (16)

Kitzig hingegen kam zu teilweise völlig anderen Aussagen über den Aufenthalt in Weißenfels. Es bezieht sich dabei auf die Briefe des Karl von Wörner, der 1620 noch Kammerpage von Gustav Adolf war und der nach seinem Studium in Uppsala 1632 zum Kammerjunker des Königs aufstieg und mit vor Ort bei der Schlacht in Lützen war. Wörner beschreibt in seinem Brief aus Usedom vom 24.1.1633, dass der schwedische Apotheker Caspar Hennig das Aufschneiden der Leiche, die Herausnahme der Eingeweide und die Einbalsamierung vorgenommen habe. Gleichzeitig ist Kitzig der Meinung, dass es einen Stadtapotheker namens Casparus König nie gegeben hat. Dass die Person des schwedischen Apothekers real ist, wird durch zwei weitere Umstände belegt. Zum einen in Form eines Briefes von Caspar Hennig (verfasst am 12.11.1632 in Grimma), in dem dieser sehr genau die Ankunft und den Zustand der Leiche des Schwedenkönigs beschreibt. Zum anderen berichtet von dem schwedischen Apotheker auch Augustus von Leubelfing, „der einzige Augenzeuge des Todes Gustav Adolfs“. (17) Einen weiterer Chronikpunkt der aktuellen Geschichte aus Weißenfels wird ebenfalls von Kitzig widerlegt, und zwar der, dass Gustav Adolfs Frau, Maria Eleonore, hier ihren Gatten das letzte mal sah, bevor er einbalsamiert wurde. Dokumente belegen, dass dies nicht stimmen kann, da die Königin zum selben Zeitpunkt noch in Erfurt weilte und sich dann erst viel später von hier aus auf den Weg machte, um dem Leichenzug zu folgen. Ihre Trauer und ihre Bestürzung war in den ersten Tagen so groß, dass sie nie in der Lage gewesen wäre, sofort nach Weißenfels aufzubrechen.

Der Leichenzug setzte sich nach Kitzig „am Sonnabend, dem 10. November, von Weißenfels auf Grimma“ (18) in Bewegung.

Pegau

Da der Marsch bis Grimma zwei Tage gedauert hat und sich bis Grimma über 60 km lang erstreckte, muss es also noch Zwischenstationen gegeben haben. Laut Berthold Kitzig soll Pegau eine Station auf dem Leichenzug gewesen sein. Ein entsprechender Kontakt mit Tylo Peter vom Museum in Pegau ergab aber, dass es in der Pegauer Historie keinen Hinweis darauf gibt, dass die Leiche Gustav Adolfs über Pegau nach Borna gebracht worden ist.

Auch Kitzigs Suche in alten Chroniken über Pegau bringt kein Ergebnis. Hinweise auf Pegau findet er aber in einem Brief vom 29.11.1632, den Hermann Wrangler an den Brandenburgischen Kurfürsten schrieb und in dem steht, dass man nach dem zweitägigen Aufenthalt in Weißenfels nun aufgebrochen sei und die Reise „uff Perch (=Pegau)“ und „von dannen uff Born (=Borna) und weiter uff Grim (=Grimma)“ (19) gehen wird. Weiterhin entdeckt er noch in Söltls Bericht über die Schlacht bei Lützen einen vertraulichen Brief vom 10.11.1632 – geschrieben in Pegau und dem Inhalt: „Haben den Königlichen Leichnam bei uns, conjungiren uns mit Kursachsen“. (20)

Borna

Auch in den Bornaer Chroniken lässt sich heute wie zu Zeiten Kitzigs kein Hinweis auf dieses Ereignis finden. Doch wie man dem Brief Wranglers entnehmen kann, könnte der Leichenzug um den 11.11.1632 Borna zumindest passiert haben.

12.-26.11.1632
Grimma

In der Chronik der Stadt Grimma wird der Leichenzug in heute keiner Weise erwähnt. Doch im Museum weiß man um den Vorgang vor 375 Jahren, da es eine integere Quelle gibt: Der Stadtchronist M. Christian Gottlob Lorenz bestätigt einen 14-tägigen Aufenthalt des Leichenzuges in Grimma. Er gibt als Quelle einen Bericht des Rates an den Kurfürsten vom 4. Januar 1650 an, der unter dem Titel „Specification, was die arme weit über die Helffte verwüstete Stadt Grimma vor schwere Einquartierungen, Durchzüge, Plünderungen, Ranziones und Contributiones von A. 1631 bis A. 1650 ertragen und ausstehen müssen“ in seinem Buch über Grimma (21) wiedergegeben wird. Genauere Details über diese Zeit sind darin nicht vermerkt. Da die Reise von Grimma nach Eilenburg nur einen Tag gedauert haben könnte, kann der Aufenthalt für die Zeit vom 12.-26.11.1632 mit aller Wahrscheinlichkeit angenommen werden.

Bestätigt wird diese Annahme aber schon durch Kitzig, der in seinem ersten Forschungsbericht erwähnt, dass der Leichenzug in Grimma „bis zum 26. Halt machte“. (22) Bei seinen weiterführenden Recherchen kommt Kitzig zu dem Schluss, dass sich in Grimma das Heer vom Leichenzug getrennt haben kann. Diese Annahmen belegen einige Quittungen, die Kitzig in Stockholm durchgesehen hat und ein weiterer Brief des schon eingangs erwähnten Karl von Wörner vom 2.12.1632, in dem er berichtet: „wir aber von der armeé mit der königl. leiche zum Grimmen geschieden“. (23) Weiterhin findet Kitzig heraus, dass schon in Grimma – und nicht erst später in Wittenberg – Gustav Adolfs Sohn, Gustav Gustavsohns, mit dem Leichnam seines Vaters zusammengetroffen ist. Er findet einen Bericht, der folgendes zur Aussage bringt: „Dieser (Gustav Gustavsohn) hat sich etl. Monath vor dem Treffen bey Lützen zu Wittenberg bey dem Studiren aufgehalten, aber auf erschollenen Zeitung, daß der König in gemeldeten Treffen solte unkommen seyn, so bald von dannen mit ohnegefehr 14. oder 15. Pferden auf Grimme gereist, und als er von des Königs Tode vergewissert worden, beym Marschall und andern solange angehalten, biß man ihm den Sarg eröffnet, und die Leiche gezeiget…“. (24) Auch den Wittenberger Bericht, dass erst dort Gustav Adolfs Sohn den Leichnam des Vaters sah, stellt Kitzig einen entkräftigende Tatsache gegenüber. Demnach war Gustav Adolfs Sohn auf dem Weg nach Chemnitz, wo er am 18.12.1632 ankam und zuvor in Grimma Station gemacht habe. Somit kann er nicht, wie Kitzig feststellt, beim Durchzug in Wittenberg vor Ort gewesen sein.

26./27.11.1632
Eilenburg

Eine der am besten dokumentierten Stationen ist Eilenburg und auch in der heutigen Geschichte wird diesem Ereignis gebührenden Raum eingeräumt. Der Chronist Jeremias Simon berichtet in seiner 1696 erschienen Chronik in aller Ausführlichkeit über die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und speziell über die Ereignisse in Eilenburg. „Als nun dergestalt die Feinde fortgangen waren / kahmen die Unsrigen / bald Sächs. bald Lüneburgische / bald Schwedische: da zog eine Parthey von Torgau nach Leipzig / die andere von Leipzig nach Torgau: die brachten nichts mit / sondern wollten alle Kosten und Fourage haben: Unter andern wurde auch den 26. Nov. der Königl. Majest. in Schweden / höchstseliger Gedächtniß / todter Leichnam / mit einer Convoy von 4000. Mann allhier eingebracht / eine Nacht im Rothen Hirsche beygesetzt / und vielen Leuten gezeiget / folgenden Tages aber auff Wittenberg geführet; und von dar weiter in Schweden überbracht.“ (1) Wie an anderer Stelle weiter berichtet wird, sollen sich die Schweden an diesem Tag „nicht menschlich gegen die Bewohner betragen haben.“ (25)

Aufbahrung des Königs

Aufbahrung des Königs

Der Maler und Illustrator Ernst Albert Fischer, der sich nach seinem Geburtsort Fischer-Cörlin nannte, schuf 1906 ein Bild, dass dieses Ereignis eindrucksvoll widerspiegelt. Der Künstler malte ein Triptychon, dass die Aufbahrung des Schwedenkönigs in der Renaissancestube des „Roten Hirsches“ darstellt. „Das Mittelteil des Bildes zeigt den aufgebahrten königlichen Leichnam. Der geöffnete Sarg wird von den trauernden Offizieren und Soldaten einerseits und andererseits von abschiednehmenden Bürgern Eilenburgs mit ihrem Geistlichen Martin Rinckart an der Spitz flankiert.“ (26)

Gustav Adolf im Roten Hirsch

Gustav Adolf im Roten Hirsch

Zu diesem Eilenburger Geschichtsereignis gibt es eine interessante Überlieferung. In der Nacht der Aufbahrung des Schwedenkönigs soll die Kriegskasse der Schweden in Form von mehreren Fässern voller Gold verschwunden sein. Dies belegt ein Eintrag in den früheren Kaufverträgen bezüglich des Grundstücks: „Wird der Kriegsschatz gefunden, so ist ein Viertel an den früheren Besitzer, ein Viertel an die Krone Schwedens abzugeben.“ (27)

Auch Kitzig beruft sich auf die Simonsche Chronik und er findet zusätzlich eine Notiz in Stockholm, die besagt, dass „Ihrer Kgl. Maj. aus Schweden, Christseeligster Höchstlöblichster gedechtnus bestalter Marschalk hat in Christoff Hartwigs Gasthoffe Sechs Thaler vor das gesindlein verehren lassen. Geschehen den 27. Nov. 1632. aus Christoff Hartwigs Gasthoffe zu Eylenburg.“ (28)

27./28.11.1632
Schmiedeberg

Blättert man heute die Bad Schmiedeberger Chronik durch, wird man nicht fündig. Doch in der Ortschronik von Rektor Oscar Benecke steht unter der Rubrik „Das Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges“ – ohne Angabe einer Quelle – folgendes beschrieben: „König Gustav Adolf von Schweden war am 6. November 1632 in der Schlacht bei Lützen gefallen. Nun wollten die Schweden ihren toten König in seine Heimat zur Beisetzung überführen. Der Zug ging von Weißenfels über Eilenburg, Schmiedeberg, Wittenberg, Spandau zur Küste. Am 27. November kam er in Schmiedeberg an. Die Leiche wurde während einer Nacht in der Kirche aufgebahrt. Am Sarge hielten die Soldaten die Totenwache. Die Schmiedeberger hatten unter Führung seines Geistlichen Zutritt zur Besichtigung. Am Morgen des 28. November setzte sich der Zug unter Geläut aller Glocken und unter großer Beteiligung der Bevölkerung nach Wittenberg in Bewegung.“ Wie der heutige Stadtchronist, Felix Saul, weiter herausfand, wird an einer anderen Stelle (ebenfalls ohne Quellenangabe) von 3000 schwedischen Soldaten berichtet, die den Zug begleitet haben sollen.

Einschiffung in Wolgast

Einschiffung in Wolgast

Kitzig findet in der schon unter Eilenburg erwähnten Stockholmer Quelle nur einen kleinen Hinweis auf Schmiedeberg : „Den 27. Nov. zu Schmittenberg, da Ihr K. M. S. Leichnam gestanden, 3 Ducaten.“(29)

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