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Fremdarbeiter in Eilenburg

Leseprobe: Erlebnisse eines belgischen Fremdarbeiters 1944/45 in Eilenburg

Erlebnisse eines belgischen Fremdarbeiters 1944/45 in Eilenburg / Teil 2

von Rolf Schulze, Hohenprießnitz

Im ersten Teil der „Erlebnisse eines belgischen Fremdarbeiters 1944/45 in Eilenburg“ konnten wir die täglichen Ereignisse im Leben des Fremdarbeiters Edward Janssens nachvollziehen. Sie stellten eine Auflistung seiner Bemühungen dar, jeden Tag so gut es geht zu überstehen, wobei weniger die Arbeit, als vielmehr das Essen und die Mühen des Alltags im Mittelpunkt standen. Daneben hat er uns eine umfangreiche Sicht auf das Kriegsgeschehen weit weg von Eilenburg gegeben und als der Krieg unausweichlich auch unsere Heimat erreichte, schließlich auch die letzten Tage der Stadt in seinen Tagebüchern niedergeschrieben, die nun Gegenstand dieses Artikels sein sollen. Kaum ein Eilenburger hat so detaillierte Informationen über die letzten Monate des Krieges hinterlassen.

Passbild von Edward Janssens

Passbild von Edward Janssens

Luftkriegsereignisse um Eilenburg

Vom 6. Dezember 1944 bis zum 14. April 1945 hörte Edward Janssens allein 134-mal die Alarmsirene, worüber er genauestens Buch führte. Nicht immer wurde aus einem gegebenen Voralarm auch wirklicher Luftalarm, da die anfliegenden Verbände abdrehten und Eilenburg nicht überflogen wurde. Bei keinem dieser Ereignisse (82-mal) fielen Bomben auf die Stadt. Einige bemerkenswerte Erlebnisse sollen hier genannt sein, sie geben ein Bild von seinem Verhalten während der Luftalarme und dem Kriegsgeschehen wieder:

12.12.44          Alarm um halb 12 bis 1 Uhr, unserer Baracke bebte von den Bomben. [Merseburg ist das Ziel, RS]

22.12.44          Es hat soeben Alarm gegeben (10 Min.). Mit unseren Gasmasken auf dem Rücken musste jeder an den festgelegten Platz in der Fabrik gehen. Keine Flugzeuge gesehen. [was auch der offizielle Chronist der Eilenburger Luftalarme bestätigt, RS]

02.01.45          Um 1 Uhr noch Alarm eine halbe Stunde, danach wieder und abends um 7 Uhr Alarm. Fürwahr, das neue Jahr wird eingeführt.

14.01.45          Um halb Neun [gemeint ist nachts, RS] standen wir einmal in der Kälte nach dem Lichtspektakel zu schauen, so wie wir es in Belgien gesehen haben über Leuven, Lichter, Suchlichter, Abwehrgeschütz und Flieger. [was auch andere Chronisten bestätigen, obwohl das Ziel nicht bekannt ist, zur Mittagszeit wurde jedenfalls Dessau angegriffen und die nächtliche Aktion könnte auch eine Überreaktion der deutschen Abwehr gewesen sein, die nicht selten so reagierte, RS]

16.01.45          Alarm um halb Zehn. Ich und René unters Bett gekrochen, danach durch das Fenster gesprungen. [weicht ab von der offiziellen Erfassung, Angriffsziel nicht bekannt, RS]

09.02.45          Es war heute ein interessanter Tag, um 10 vor 12 Alarm, nach ein Uhr Alarm, drei engl.-amerikanische Jäger die auf verschiedene Ziele mit dem Maschinengewehr schießen, sehr erschreckt, unter der Brücke gestanden mit einem Zug über uns, ziemlich dicht bei. (in einem ausfahrenden Güterzug wird der Lokführer erschossen, RS]

14.02.45          Gestern Abend [also am 13.02., RS] von 9.20 bis 11 Uhr Alarm, in dem eine halbe Stunde lang Bomben gefallen sind, um 1 Uhr wieder Alarm, heute Mittag viertel vor 12 bis viertel nach 1 Alarm, Flieger gesehen, nach einer viertel Stunde wieder für eine knappe Stunde Alarm, draußen in der Kälte gestanden, Lichtblitze von Bomben und Schüssen, Fik, René und ich gerade noch rechtzeitig durch das Fenster gesprungen.

15.02.45          Diese Nacht war der Alarm etwa um 1 Uhr, heute Mittag um 20 vor 11 bis halb 1 Uhr. [er hat die Überflüge der Bomber vom 13. bis 15.02. auf Dresden geschildert, RS]

27.02.45          Es bläst gerade Voralarm, viertel vor Neun, heute Mittag um ½ Eins, 2 Stunden Alarm, Leipzig 1 ½ bombardiert.

05.03.45          Um halb Neun [abends, RS] war es Alarm und eine Stunde lang war es ein Gedröhne von Fliegern, von Lichtern, aber nicht viel Geschieße, Licht über Leipzig, … wenn man bedenkt, dass die russische Front keine 100 km von hier ist. [Chemnitz wird mit 233 Bombern angegriffen, RS]

07.03.45          Abend Alarm an verschiedenen Punkten in der Runde Bomben geworfen gut sichtbar, im Keller der Baracke gewesen. [Dessau wird mit 526 Bombern angegriffen, auch in Leipzig fallen Bomben, die für Berlin (!) bestimmt waren, RS]

29.03.45          Um 1 Uhr [mittags, RS] gewaltige Explosion von einem Munitionszug in dem Bahnhof von Eilenburg. In einem Abstand von 50 Metern war ein schwerer Obus [gemeint ist ein Geschoss aus den sogenannten Nebelwerfern der Wehrmacht, RS] gefallen und nicht explodiert, 2 Fabriken getroffen durch die weggeschleuderten Obusse.

06.04.45          Ungefähr eine Stunde lang Flieger drüber geflogen, wie man sagt, wird Leipzig bombardiert durch 1400 Flugzeuge, wie man sagt 80 km von hier in jedem Fall, es wird jeden Tag schlimmer mit den Fliegern. [Leipzig wird mit 321 Bombern angegriffen, RS]

07.04.45          An drei verschiedenen Plätzen Licht und vermutlich MG-Beschuss, Explosionen und Feuer, ein wahres Spektakel. [er meint wahrscheinlich die Angriffe auf den Flugplatz Rote Jahne, RS]

10.04.45          Abend so wie jeden Abend Alarm in der Ferne 15 – 20 Lichter und Bomben, 2 Flieger abgeschossen. [es war der letzte Angriff auf Leipzig und er beobachtet die Abstürze von je einem Bomber bei Zaasch und Zwochau, RS]

13.04.45          um 7 Uhr diesen Abend englische Jäger die so wie gestern Abend den Flugplatz (3 km von hier) beschossen. [es liegen für den 11. und 13. April Hinweise auf Angriffe auf den Flugplatz Rote Jahne vor, wobei die Eilenburger Feuerwehr am 13. zum Einsatz dorthin ausrückt, RS]

15.04.45          Den ganzen Tag (14. April) sowohl wie heute (15. April) Jäger in der Luft im Abstand von 300 – 400 m vom Lager, eine von ihnen abgeschossen. Es brennt an verschiedenen Plätzen. [Tieffliegerangriff auf den Bahnhof in Eilenburg, der von ihm erlebte Absturz ist noch nicht geklärt, auch ein anderer Chronist teilt dies mit - es könnte sich um den Absturz eines alliierten Jägers auf die Paul-Berck-Siedlung handeln, RS]

Kriegsereignisse an den Fronten

Während den Einwohnern, genau wie den Fremdarbeitern, im Deutschen Reich mit drastischen Strafen gedroht wurde, wenn sie sich über ausländische Sender Informationen über das Kriegsgeschehen verschafften, beweisen die Tagebuchnotizen von Janssens, dass die Informationsbeschaffung dennoch funktionierte. Folgende Auszüge sollen dies belegen:

03.12.44          Das Neue: Beschießung von Antwerpen und London, die amerikanische Armee dringt in die deutschen Stellungen ein.

06.12.44          Etwas das hier jeden Morgen besprochen wird ist natürlich die Frage: Wann ist dieser verfluchte Spuk vorüber, es wird jede Woche schlechter und schlechter […] Die Hoffnung, dass der Krieg in diesem Jahr vorbei ist, haben wir schon lange aufgegeben. Dabei sind wir noch besorgt über Zuhause, wie es dort gegangen ist und wie es jetzt geht mit der Beschießung von Antwerpen, Brüssel und Lüttich.

08.12.44          Belgische Truppen werden an die Front geschickt. Man spricht noch immer von Chaos und Hungersnot in Belgien.

14.12.44          Feuer auf London und Antwerpen aus. Vierter Angriff der Amerikaner auf den Osten von Aachen.

20.12.44          Neuigkeit: Deutsche Offensive eingesetzt im Westen. [sie beginnt offiziell am 16. Dezember und wird als „Ardennenoffensive“ in die Geschichtsbücher eingehen, RS]

25.12.44          Nach den deutschen Berichten wieder gekämpft bei Stavelat und Elsenborn und das an Weihnachten! Jetzt schau ich meine Fotos noch mal an, das einzige, was uns noch gut tut.

31.12.44          Noch wenige Minuten vor Mitternacht, also vor dem neuen Jahr, sitzen wir hier in unserer Baracke. Und wie geht es zu Hause? Es ist hier ruhig und es wird über Belgien nachgedacht. […] Ich mache Schluss, denn in wenigen Minuten werden die Neujahrswünsche ausgerufen. Leb wohl 1944, das uns so viel Leid gebracht hat in der Hoffnung, dass 1945 uns mehr Glück bringen wird.

03.01.45          Neuigkeit: Ohne Beschießung von Lüttig und Antwerpen. 26 amerikanische Divisionen versuchen in Belgien die Deutschen zu vertreiben.

05.01.45          Neuigkeiten: Deutsche Flieger greifen die Flugplätze in Belgien an. Am Neujahrsmorgen 400 amerikanische Flugzeuge zerstört. Heftige Gefechte. [gemeint ist die deutsche Aktion „Bodenplatte“, wobei mit über 1000 Flugzeugen die Luftwaffe Flughäfen der Alliierten angreift, RS]

08.01.45          Neuigkeit: Amerikanische Truppen setzen eine Offensive ein.

12.01.45          Keine Kriegsneuigkeiten.

19.01.45          Neuigkeit: Schnelles Vordringen, russische Offensive, Warschau gefallen.

21.01.45          Heute sind wir in guter Stimmung, gutes Vorankommen der Russen, 250 km von Posen.

27.01.45          Diesen Nachmittag nach dem Radio gelauscht, noch immer gute Neuigkeiten, Bromberg und Posen besetzt.

28.01.45          Man glaubt hier, dass der Krieg sicher innerhalb eines Monats vorbei ist, was uns sicher wieder gut stimmt, die Berichte sind gut.

29.01.45          Nachdem, was man erzählt, sitzen sie noch 130 km vor Berlin.

30.01.45          Neuigkeit: Die Straße Berlin-Danzig überschritten, alle Tage Flüchtlingszüge in den Westen. [die Evakuierung von Flüchtlingen aus Ostpreußen begann am 23.1., RS]

01.02.45          Neuigkeit: Frankfurt gefallen. 60 – 80 km von Berlin.

03.02.45          Das Neue ist gut in den Vorstädten von Berlin.

04.02.45          Der Zustand ist gut heute, um 2 Uhr D Radio gehört und sie sind südwestlich von Frankfurt a. O.

08.02.45          Flüchtlinge gesehen aus dem Osten, so weit wie man sehen kann, Wagenkolonnen.

09.02.45          Den ganzen Tag durch Flüchtlinge, der eine folgt dem anderen…

10.02.45          Neuigkeiten nach nicht offiziellen Berichten: Die Amerikaner sind in einer Breite von mehr als 20 km über den Rhein, sonst keine Neuigkeiten.

11.02.45          Gute Neuigkeit, die Offensive hat an beiden Seiten angefangen.

13.02.45          Die ganzen Flüchtlinge mit der Eisenbahn.

16.02.45          Neuigkeiten: Engländer berichten, 45 km westlich von Cottbus alliierte Luftwaffe in Aktion, wie nie zuvor mit 1100 Bombern Dresden bombardiert.

20.02.45          Die Deutschen lassen je länger, desto mehr ihre Unzufriedenheit hören.

25.02.45          Am Samstag haben wir gehört, dass die Amerikaner eine Offensive angefangen haben und die Türkei den Krieg erklärt hat.

01.03.45          Die Neuigkeit gut, offiziell 12 km vor Köln. Heute etwas unmenschlich anzusehen, Zuchthausgefangene durchgezogen unter deutscher Aufsicht, ungewaschen, unrasiert, 2 Tage ohne Essen und 3 Wochen unterwegs (von Kattowitz)

07.03.45          Köln, nach zwei Tagen Kampf gefallen.

09.03.45          Brückenkopf über den Rhein. [am 6.3. haben die Alliierten den „Westwall“ in der ganzen Breite durchbrochen, am 7. März wird der Rhein überschritten, RS]

16.03.45          Neuigkeit: nicht offizielle Berichte: 27 km vor Berlin, Brückenköpfe über den Rhein, noch immer schwere Gefechte in West und Ost.

17.03.45          Neues: Offensive in Ost und West.

25.03.45          Radio gehört (von der Lagerführung) gute Neuigkeiten: 6 Brückenköpfe über den Rhein, weiter aufgerückt nach Frankfurt a. M. Gefechte bei Bocholt.

26.03.45          Neuigkeit: Dortmund gefallen, Luftlandungstruppen bei Bochum (und bei Kassel?) Nach der Zeitung von 22., (die ich heute zum ersten Mal erhielt) eine V2 auf den großen Bahnhof von Antwerpen.

31.03.45          Der Krieg verläuft gut, kann nicht lange mehr dauern.

01.04.45          Die Neuigkeiten sind hervorragend: Kassel gefallen, Aufmarsch in Richtung Erfurt.

Die Front rückt immer näher

02.04.45          Es wird hier vermutet, dass der Krieg vielleicht noch diese Woche, aber doch spätestens innerhalb von 14 Tagen zu Ende ist.

05.04.45          Heute Vormittag von 8 bis 12 Uhr überflogen durch Schlachtflugzeuge, das bedeutet, das die Front dicht bei ist (ungefähr 110 bis 120 km) 50 km vor Halle.

07.04.45          Aus Westen hört man den ganzen Tag ein Gerommel, denkbar die Kanonen.

10.04.45          Wie man sagt, sollen die Alliierten Bremen und noch verschiedene Städte eingenommen haben. In 48 Stunden 150 bis 180 km aufgerückt in Richtung Hamburg.

12.04.45          Heute, wie man sagt ausgezeichnete Neuigkeit: 10 km südlich von Leipzig und dringen noch immer weiter vor. Die Zivilbevölkerung [in Eilenburg, RS] muss Essenvorrat für zwei Wochen nehmen, den ganzen Tag zurückweichende Truppen mit Autos aller Art.

13.04.45          Gestern Abend wurde hier in der Kammer vor Freude gesungen und gespielt, weil die Amerikaner Leipzig eroberten. Die französischen Kriegsgefangenen müssen morgen 30 – 40 km zurückziehen. In der Ferne hört man regelmäßig Explosionen.

14.04.45          Nach englischen Berichten 60 km vor Berlin, sollen noch verschiedene Städte erreicht sein. Sie rücken von zwei verschiedenen Seiten nach Berlin und Dresden.

Kampf um Eilenburg

16.04.45          Viertel vor drei. Das erwartete Zurückziehen. Gestern Abend vor 9 Uhr bekamen wir unerwartet den Bericht, dass wir uns heute um 6 Uhr zurückziehen müssen. Nach vielem Beratschlagen hatten wir beschlossen, abzuhauen. Jetzt sitzen wir hier im Busch neben dem Lager, um halb fünf sind wir weggegangen, das Abenteuer, wohl das Größte, erwartet uns. Es hat angefangen mit einer Maschinengewehrgarbe über unsere Köpfe zum Lager.

17.04.45          Um 20 vor 10 hat es 5 Min. lang Alarm geblasen, das bedeutet, das die Panzerspitzen anrücken und die Befreiung nahe ist, während ich hier schreibe, höre ich zwischendurch das Schießen von den amerikanischen Panzern. Wir hoffen sicher, morgen früh erlöst zu sein. Die Nacht, die wir hinter uns gebracht haben, war ziemlich gut für unsere Herde auf dem Stroh. Im Augenblick hören wir jetzt gut die Motoren der Panzer. Das Schießen hat jetzt aufgehört und jeder erwartet die Amerikaner. Seit einer Woche haben wir beinahe keine Flieger mehr gesehen.

18.04.45          Wir sitzen jetzt wieder im Lager, denn wir denken, dass wir Mangel an Essen haben und das es vielleicht auch gefährlich ist im Busch, die Panzer, die wir gestern gut gehört haben und auch von Kameraden gesehen wurden, haben sich zurückgezogen. Wahrscheinlich waren es Kundschafter. Den ganzen Morgen hören wir hier Explosionen, selbst ein paar Mal von Artillerie. Die Jäger lassen uns jetzt in Ruhe. Alle erwarten in jeder Stunde die Panzer, wie man sagt, sollten bereits 2 die Stadt erreicht haben und abgeschossen sein. Eben explodierte wieder eine Granate in 500 bis 600 m Abstand von hier.

19.04.45          Noch sind sie nicht hier. Wieder sitzen wir in einer üblen Situation. Die Polizei hat uns gesagt, dass wir hier weg müssen, vielleicht können wir hier eben 300 m weiter in eine Sandgrube gehen. Der Zustand ist unverändert, manchmal wird noch ein paar Mal geschossen, das ist alles. Zu sehen, dass es nicht mehr sehr lange dauern kann, aber es dauert lang, wenn man bereits Monate, Wochen und Tage wartet.

20.04.45          Die Stadt, so erzählen sie, ist wieder an verschiedenen Stellen beschossen worden. Leipzig soll gefallen sein, also soll es hier in den nächsten Tagen losbrechen. Die Stadt ist im Zustand der Verteidigung, Truppen haben Steine und Barrikaden von Bäumen, auch 1800 Panzerfäuste helfen mit.

21.04.45          Noch immer die Unsicherheit, … nach einer halben Stunde Beschuss der Stadt, an einer Stelle brach Brand aus, jetzt wieder einige Explosionen in 600 m Abstand von hier. Man sagt, dass die Soldaten neuen Panzeralarm bekommen haben.

22.04.45          Sonntag. Regnerisches Wetter, eine Pause ist eingetreten in der Beschießung der Stadt, die Stadt ist unsichtbar geworden durch Rauch und Staub. Der Zustand ist weiter unverändert, unser Mut lässt nach, wir richten unsere Hoffnung auf jeden Morgen und die Unsicherheit dauert lange. Manchmal in diesen Augenblicken gehen unsere Gedanken oder Gespräche wieder nach Hause, an diesem Sonntag in besonderem Maße. Wir hier ein paar Kilometer hinter der Front, während die Obusse über uns sausen und zuhause Frieden und Essen. In jedem Augenblick kann eine Granate auf uns fallen, gestern Abend brachen hier in der Baracke die Fenster kaputt, heute morgen wieder und dann die elendigen Nächte in dem Schutzkeller, geplagt durch die Flöhe, die den Schlaf verhinderten.

25.04.45          und 26. April. Im Augenblick sitzen wir hier bei dem Gärtner [gemeint ist Vörckel, RS], wo Victor arbeitet, wir sitzen wirklich in einer schlimmen Position. Wir haben noch Essen für 5 Tage und wir dürfen nicht aus der Stadt. Gestern sind wir aus unserem Bunker … in die Stadt gegangen mit dem Gedanken, um nach Hause zu ziehen. An der Brücke durften wir nicht in die Stadt hinein, heute erst um 10 Uhr. Zurück ins Lager gegangen, um zu schlafen. Am nächsten Morgen werden das Lager und die Umgebung stark beschossen, glücklich sind wir mit dem Schreck davongekommen. … Wenn ich hier rund schaue, muss es hier heiß zugegangen sein, verschiedene Obustrichter sind hier zu sehen, auch waren die Amerikaner hier im Haus, sehr vorsichtig sind sie nicht, den Eindruck hatten wir. Es ist zu hoffen, dass wir hier so schnell wie möglich aus dem Nest verschwinden.

27.04.45          Wir sind auf dem Weg nach Hause. Wir sitzen hier in einer Baracke als Schutz gegen den Regen. Heute Morgen um 8 Uhr sind wir bei dem Gärtner weggegangen, in der Stadt noch etwas rumgelaufen, weil uns gesagt wurde, das Ausländer im Krankenhaus lägen, deshalb sind wir um halb Zehn weggegangen auf den Weg nach Delitzsch, wir denken morgen in Halle zu sein und von dort mit dem Zug weiter, um von hier weg zu kommen, mit einem amerikanischen Auto geht es auch nicht, die halten nicht an.

Letzter Eintrag im Tagebuch

Letzter Eintrag im Tagebuch

Die „Heimreise“ von Edward Janssens glich einer Odyssee, weil er und seine Kameraden längere Zeit in Halle festgehalten worden sind: „Politische und Kriegsgefangene hatten Vorrang“, so seine Äußerungen im Nachhinein. Am 25. Mai 1945 kam er um 0.30 Uhr auf dem heimatlichen Bahnhof Leuven an. Zu Fuß ging er nach Hause in Boortmeerbeek, was er gegen 3 Uhr nachts erreichte. Nach 283 Tagen traf er wieder in seinem Heimatdorf ein: Er hatte den Krieg überlebt. Im Gepäck befand sich u.a. ein Andenken an die Fremdarbeiterzeit in Eilenburg. Mit seinem Freund Fik hat jeder an einem Flieger aus Holz gebastelt. Eine Tagebuchnotiz vom 28. Januar berichtet u.a.: „Besuch von Victor, wobei folgendes Gespräch zwischen Victor und Fik: Das ist kein deutsches Flugzeug! Ich bin auch kein Deutscher! Du hast mehr Sympathie für die Amerikaner als für die Deutschen, dabei als Antwort ein versicherndes: Ja.“

Das Flugzeugmodell von Edward Janssens.

Edward Janssens übergibt das Flugzeugmodell an Andreas Flegel.

Diese Sympathie erfuhr am 20.08.2004 eine neue Richtung. Edward Janssens hatte sein Flugzeug – eine doppelrumpfige Lightning – beim Besuch des hiesigen Stadtmuseums dabei und schenkte sie dem Direktor Andreas Flegel.

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