. .
Home » Produkte » Sorbenturm » Sorbenturm 2008 » Die Chronik des Jeremias Simon von 1696

Die Chronik des Jeremias Simon von 1696

Leseprobe: Die Chronik des Jeremias Simon von 1696: Das III. Capitel – Von den alten Einwohnern dieses Ortes und der Gegend um Eilenburg

Das III. Cap.
Von den alten Einwohnern dieses
Orts und der Gegend umb Eilenburg.

Simon Kapitel III

Kapitel III der Chronik

Das Meißner-Land hat vor dessen mancherley Einwohner / und daher dieselben auch unterschiedene
Nahmen ( c ) gehabt / deren wir nur die vornehmsten erzehlen wollen.
Die ältesten Völcker / so nach der Sündfluth in diesen und angräntzenden Ländern gewohnet /
da hat man Tuiscones, oder Teutsche ( d ) genennet: Diese aber haben den Nahmen bekommen
von dem Tuiscone oder Ascone, ( e ) so des Ertzvaters Noha sein pronepos oder Klein-Sohn / und
des Japhets Enckel oder Sohns-Sohn gewesen. Denn Noha, (wie aus der Heil. Schrifft ( f ) bekannt:)
hat drey Söhne gehabt / nemlich den Sem, Ham und Japhet: Da denn Sem ( g ) nebenst seinen
Kindern und Nachkommen zu seiner Wohnung vornehmlich einbekommen die jenigen Länder /
so gegen Morgen oder Auffgang der Sonnen gelegen; Ham oder Cham aber die gegen Mittag;
und Japhet die gegen Abend und Mitternacht.
Dieser Japher zeugete unter andern den Gomer; ( b ) Gomer aber den Afcenas oder Afcanes,
welcher insgemein Tuiscon ( i ) genandt worden: diesem hat sein Proavus oder Aeltervater
der Noha, (wie einige ( k ) vorgeben:) die jenigen Länder / so zwischen dem Schwartzen
Meere / der Theiß / und dem Rheine gelegen / eingeräumet; Dahero er auch nach der Sündfluth
im 131. Jahre / mit seinen Söhnen und dero Kindern aus Armenia in Europam übergesetzet /
zwantzig Fürsten unter ihnen zu Haupt-Leuten gemacht / darauff zuförderst in Teutschland sich
niedergelassen u. gesetzet / und also sein Reich von dem Fluß Tenais an / bis an den Rhein
erstrecket; ( l ) auch solchen ganzen Bezirck in gewisse Königreiche / Fürstenthümer / und Herr-
schafften ab- und eingetheilet / überall Pflantz-Städte erbauet / und die Landschafften mit
Einwohnern erfüllet: ( m ) Und also ist dieser Tuiscon der erste König der Teutschen worden /
( n ) und hat so wohl sein Geschlechte / als auch seine Gräntze mit der Zeit bis an die Ost-See und
drüber trefflich ausgebreitet.
Unter andern aber hat er einen Sohn gehabt / Mannus genandt / welcher ein sehr freudiger Held /
und eines freyen auffrichtigen Gemüths gewesen; ( o ) dahero das Männliche Geschlecht von ihm den
Nahmen bekommen / daß sie hernach Mann oder Männer / insonderheit aber seine Nachkommen /
die Teutschen / Germani, oder  Bar-Männer / ( p ) quasi toti viri, und Alemani oder Alemanier / quasi alle Männer / oder alles solche tapffere Männer / wie er nemlich gewesen / oder daß sie alle für einen Mann bey einander stehen wolten / nach Ritterliche Eigenschafft; ( q ) (wie denn zur selbigen Zeit Germania und Alemannia vor eines gehalten worden / und sich von Hungarn an biß an den Rhein erstrecket:) ( r ) Ingleichen Hermanni; daß ist / Heer-Männer / (vivri militaris:) genandt / weil sie nemlich insgemein tapffere und streitbare / ja starke und behertzte Kriegs-Leute gewesen: ( s ) Wie denn noch heute zu Tage die Teutschen vor vielen andern Völckern dißfalls den Preiß behalten.
Es soll aber dieser Mannus solche weitläufftige Länder / die er besessen / hinwiederum in 3. Theil / unter seine drey Söhne/ nahmentlich Istaevon, Hermion und Ingaevon ausgetheilet haben /also daß
die Einwohner der Gegend / so an dem See-Strande gelegen / hernach Ingaevones; ( t ) Die mitten im Lande gewohnet / Herminones, oder wie sie Plinius nennet / Her-miones; ( u )
Die aber am weitesten vom Meere nach dem Alp-Erzgebirge zugewohnet / Istaevones genandt worden: Massen denn Cornelius Tacitus ( w ) also da-von schreibet: Celebrant carminibus antiquis (quod unum apud illos memoriae & Annalium genus est:) Tuisconem, Deum terra editum, & Filium Manum, originem gentis Conditoresque: Manno tres Filios assignant, e quorum ominibus proximi Oceano Ingaevones medii Herminones; cateri Istaevones vocentur: Das ist: Sie / die Teutschen / rühmen in ihren alten Liedern / (welches einig und allein ihre Geschicht-Bücher
und Zeit-Register seyn:) ihren Tuiscon, als einen Gott / der aus der Erde entsprossen / und seinen
Sohn Mannus, als den Urheber und Stiffter ihres Volcks: Dem Manno eignen sie drey Söhne
zu / nach derer Nahmen sie die jenigen Völcker / so nahe am Meere wohnen / Ingewohner: Die Mitteländischen / oder so mitten im Lande wohnen / Hermioner / und die übrigen Istewohner
genennet werden. Und fast auff gleichen Schlag schreibet Plinius, ( x ) daß fünff  Haupt-Nationes oder Geschlechter der alten Teutschen gewesen / welche da Vandali, Ingaevones, Istaevones, Hermiones
u. Peuceni oder Bastarnae geheissen: Da denn unter die Hermiones ( y ) gerechnet worden.
Viel andere Völker mehr / so hier anzuführen unnötig / davon beym Zeilero, ( a ) Spangenberg ( b )
Dressero, ( c ) Albino ( d ) und andern Historicis weitläufftig zu lesen.
Hingegen Annius Viterbiensis, interpres Berosi, ( e ) und Brottuf ( f ) geben vor / es habe der
Teutschen König Mannus einen Sohn gehabt / mit Nahmen Gambrivius; dieser habe wieder
einen Sohn gezeuget / Svevus genandt / und dieser sey ein Vater und König gewesen des allergrösten Volcks
der Schwaben / dergleichen dazumahl in Europa nicht gewesen / massen denn von ihm alle Svevi oder Schwaben hernach ihren Nah men empfangen: ( g ) Es habe dieser Svevus hinwiederumb einen Sohn Vandalum gezeuget / von welchen hernach auch ein groß Volck / die Vandali oder Wenden entsprossen: sie wären
aber beyde die Schwaben und Wenden rechte gebohrne Teutschen gewesen; Darnach habe der Vandalus
als der Wenden König unter andern auch einen Sohn gezeuget / Hunnum; von dem die Hunnen
oder Ungarn hergeflammet / u.
Spangenberg aber in seiner Manßfeldischen Chronica ( h ) und M. Friedrich Hildebrand in
seiner Synopsi Historiae unnivers. ( i ) erzehlen solches noch etwas anders / und sagen: Der
Tuiscon habe einen Sohn gehabt / so Ingaevon geheissen / dieser habe regieret im Jahr nach
Erschaffung der Welt 2030, dem sey gefolget sein Sohn Istaevon, A. M. 2075. welcher also
zur Zeit Isaacs des Sohns Abrahams gelebet; Selbigem habe succediret sein Sohn Hermion, im
Jahr 2125. und von diesen dreyen Königen wären die uhrältesten Teutschen Völcker Ingaevones,
Istaevones und Hermiones genennet worden: ( k ) Dem Hermion aber wäre im Regiment gefolget
sein Sohn Marsus, A. M. 2188. Welcher seinen Sitz zu Marßburg an der Saala / als welche Stadt
erbauet / und sie nach seinem Nahmen genennet: ( l ) (wiewohl ande-re mit besserm Grunde vorgeben /
sie sey von den Römern / und zwar von dem Druso Germanico erbauet / und von dem Marte, als
welchen die Hermundurer-Schwaben vor einen Gott geehret / Martis-Burg genennet worden: ( m )
Und von solchem Marso sollen auch die Dithmarsen herkommen / gleichwie von seinem Gesellen Danus
die Dähnen ober Dennemärcker: ( n ) Dem Marso wäre ferner nachgefolget sein Sohn Grambrivius,
sonst auch Cimber genandt A.M. 2234. Diesem aber der Svevus, und dem Svevo Vandalus, als König
in Teutschland A.M. 2367. Diesem aber der Alemann, als der Teutschen Hercules, A.M. 2394. Selbiger
habe 4 Söhne gehabt / deren der Erste Bojus, der Andere Noricus, der Dritte Hunnus, und der Vierdte
Helvetius geheissen / von welchen allen hernach grosse Völcker entsprossen / und ihre Nahmen von
denselbigen erlanget: ( o ) Welches wir denn an seinen Ort gestellet seyn lassen.
Diß aber ist gewiß / daß die Svevi oder Schwaben fast die ältesten Völcker nach der Sündfluth in
diesem Lande zwischen der Elbe und Saala gewesen: ( p ) Wiewohl nicht zu sagen / daß diese Länder
alsobald nach der Sündfluth bewohnet worden / sondern ausser Zweiffel erst längst hernach/als sich nemlich
des Noha Geschlecht und Nachkommen sehr vermehret und ausgebreitet.
Es haben sich aber diese Schwaben nicht nur vom Rheinstrohme an biß über die Elbe erstrecket / sondern
sind noch fürter gezogen / sich über die Elbe biß an die Spree und Oder begeben / ja gar biß an die Ost-See
oder Balthische Meer sich niedergelassen; Darumb das-selbe auch Mare Svevicum, das Schwäbische Meer /
und jene / Flumina Svevorum, die Schwäbischen Flüsse / bey den Historicis ( q ) genandt worden: Dahero schreibet Lucanous Cordubensis, ( r ) von den alten Schwaben jenseit der Elbe:
Fundit ab ectremo Flovos aquilone Suevos Albis:

Das ist:
Die Elbe nach den letzten Norden /
Hegt Völcker aus der Schwaben Orden.

Wie denn dieselben nach Gelegenheit ihrer Wohnungen auch vielerley Nahmen gehabt / also
daß etliche Angili, Varini, Hermurduri, Narisci, Quadi, Ligii, Marcomanni, und so fort /
geheissen. ( s )
Und eben dieses bekräfftigen auch Julius Cesar, ( t ) Tacitus, ( u ) Aventinus, ( w ) und viel
andere bewehrte Scribenten mehr / daß nehmlich die jenigen Völcker / so vor alten Zeiten /
und längst vor Christi Geburt / zwischen der Spree und Oder / ingleichen zwischen der
Elbe und Saala / und also im Lande Meissen / und in hiesiger Gegend gewohnet / insge-
sampt Svevi oder Schwaben genennet worden / unter denen denn etliche hinwiederumb /
wie obgedacht / Hermunduri, etliche Narisci & c. geheissen / da denn insonderheit die
Hermunduri eigentlich das jenige Land / so zwischen der Elbe und Saala ( x ) biß an das
Böh mische Gebirge gelegen / inne gehabt und besessen / die Narisci aber das Voigtland
und weiter hinaus: Zwar es schreibet Garzo der Italianer / ( y ) daß die im Osterlande Wohnende / vor dessen Hertani, Eudsii, Varini, und Guardones oder Suarones wären genennet worden: Aber solches / weil es wider die kundbare Warheit / wird von Albino ( z ) und andern nicht angenommen / sondern als irrig verworffen.
Im übrigen stimmet mit obgedachten auch fast überein Dresserus, ( a ) daß nemlich die Suevi oder
Schwaben / so in hiesiger und benachbarter Landschafft gewohnet / unterschiedener Art oder Nahmens
gewesen / also daß etliche Transalbini oder Senones, so über der Elbe (allwo itzo Wittenberg / Jessen / Jüterbock;) und weiter hinein in der Marck Brandeburg biß gegen Magdeburg über / ( b ) Etliche aber Hermunduri so in Meissen / zwischen der Saala / Elbe und Sudetischen Gebirge ( c ) gewohnet / Etliche
aber auch Ilingae oder Ilingi , die Jlinger-Schwaben genandt worde / welche letzeren den seinen / des
Dresseri ( d ) Vorgehen nach / insonderheit an der Mulda und umb Eilenburg ihre Wohnung sollen gehabt
haben / welches zwar auch Spangenberg ( e ) und Albinus ( f ) mit anführen / iedoch dißfalls nichts
gewisses bejahen noch behaupten wollen / zumahl da andere vorgeben / daß die Ilingi nicht allhier / sondern zwischen der Elbe / Schwartzen Elster und Spree solten gewohnet haben / (wie wir im vorigen Capitel
allbereit mit mehren angeführet:) oder doch an der Elbe bey Zerbst / wie Bussemacher ( g ) will / als der ausdrücklich also schreibet: Ilingi etiam & Glaucones dicti sunt Albi fluvii accolae, Misnensium pars, juxta Zerbst: Das ist: Jlinger und Glaucones sind genennet worden die Einwohner am Elbfluß / als ein Theil des Meißner-Landes bey Zerbst: Dahero wir solches gleichfalls dahin gestellet seyn lassen.
Solche Suevi Hermunduri und Ilingi aber / nebenst vielen andern / sind hernachmahls von einem
Slavonischen Volcke den Vandalis, Wandalis oder Wenden / (so ihrer Ankunffft nach / zwar auch
Teutsche gewesen / und die teutsche Sprache gebrauchet: ( h ). Die aber hernach zum Unterscheid der
andern Wenden / Sorabi oder Sorben-Wenden genandt worden /) umb das Jahr Christi 451. guten
theils aus diesen Landen verjagt und ausgetrieben worden / ( i ) welche denn sich meistentheils zu
ihren alten Verwandten und Freunden in Rhetiam begeben / und haben sich hingegen diese / nemlich
die Sirben- oder Sorben-Wenden an jener (der Schwaben ) statt / wegen der guten Gelegenheit des
Landes darein gesetzet / auch lange Zeit von der Elbe an biß an die Mulda / und ferner biß an die Pleisse /
Parda und Saala / ( k ) darinne gewohnet / auch sich weit und fern ausgebreitet / und viel Dörffer und Städte erbauet: Welches ihr Land / zumahl das sie zwischen der Saala und Elbe besessen / daher Sorabia, und
contracte oder kurtz / Sirbia genandt worden: ( l ) Massen dann auch hernach / (wie etliche ( m ) dafür halten:) wegen der guten Gelegenheit des Landes / noch mehr Slaven oder Wenden aus Dalmatien zu den Sorben in
Meissen / als ihren Anverwandten / sich begeben / welche da in der Gegend / wo itzo die Städte /
Chemnitz / Mitweida / Lammatzsch / Döbeln und Leißnig sind / und noch weiter / sich gesetzet / und
zum Unterscheid der andern Dalmatae, Dalma-ntici, Delemantici, Dalemantii, & Daleminzii, das ist /
die Dalmantzer- oder Dalemintzer-Wenden; Ihr Land aber / das sie besessen / Dalemincia oder
Delmantia genennet worden. ( n )
Und zwar / daß wie obgedacht / nach den Svevis Hermunduris und Ilingis, die Sorben-Wenden in
dieser gantzen Gegend / und also auch in hiesigem Eilenburgischen Revier und angräntzenden Lande
gewohnet / dessen haben wir unter andern auch gnugsame Zeugnisse an den Wendischen Nahmen /
im Eilenburgischen Kirchen-Sprengel und umbher liegenden Dör-ffern / als welche meistentheils
Wendisch sind / zu ersehen / als zum Exempel: Wedelwitz / Weltewitz / Gostemitz / Gordemitz /
Jessewitz / Ochelmitz / Böhnitz / oder (wie es vor Alters geschrieben worden:) Bönewitz / Behlitz /
Schnaditz; It. Dobersitz / Paschwitz / Mörtitz / Laußitz / Thalwitz / Nischwitz / u.
Darbey denn insgemein anzumercken / daß die Wendischen Nahmen ( o ) theils auff ein itz / theils owe /
theils aber auff in oder ick sich enden: Auff ein itz / als Rochlitz / Colditz / Chemnitz / Zeititz / Delitz / Schkeuditz u.
Auff ein owe oder oue / als Torgowe / Pirnowe / Zwickowe / Glauchowe / Pegowe / Zwenckowe / u.
It. Scopoue / Tauchoue u. Auff in / als Döblin / Müglin / Wurtzin / Noßin / Wetthin / u. und auff ick / als
Penick / Leißnick / Zörbick / u. Denn also haben vor dessen die Wenden solche Oerter genandt / ausge-
sprochen  und geschrieben wie aus den alten Documenten zu sehen.
Zwar was Eilenburg an sich selbst betrifft / ist weder die Burg / noch die Stadt von den Wenden erbauet /
massen denn auch der Nahmen nicht Wendisch / sondern gut Teutsch / wie son-derlich alle die jenigen / so
auff  Burg sich enden / als Altenburg / Marsburg / Naumburg / Freyburg / Waldenburg / Froburg u. gute teutsche Nahmen sind / und von den alten Teutschen / entweder noch vor der Wenden Ankunfftt in diesen Landen /
oder doch / nachdem Käyser Heinrich der I. sie wider daraus vertrieben / erbauet worden: ( p ) Jedoch so ist
nach dem Zeugniß Albini, ( q ) (so oben Cap. 2. angeführet:) vor dessen bey oder vielmehr unter der Burg oder Burgwartt / ein Dorff oder Flecken gewesen / so Bucowitz geheissen / welches ein recht Wendischer Nahme / und auff  Teutsch so viel heisset / als Gottes Feuer / Oder Gottes Grund / davon drunten cap. 8. Num. 1. ein mehrers.
Solch ihr Land aber / welches die Sirben- oder Sorben-Wenden eine lange Zeit hieherumb / und fast im
gantzen Meissen und Oster-Lande bewohnet / ist dazumahl zusammen Libonotria und Sorabia, item
contracte, Sorbia und Sirbia ( r ) genandt worden / biß daß sie endlich von Carolo Magno, und seinem Sohne überwunden / und von dar wider aus- und über die Elbe / in die Marck Brandeburg /
Mechelnburg und Pommern / wie auch in die Laußnitz / und weiter vertrieben worden:

Sonderlich aber hat solches gethan Heinricus auceps, welcher / nachdem er ihre beyden Haupt-
Festungen Gruna und Geithen mit Sturm eingenommen und zerstöret / (so Ao. 927. geschehen /) hat er
sie ihm zum Theil unterthänig gemacht / und zum Christlichen Glauben gebracht: Welche aber denselben
nicht annehmen wollen / hat er / sonderlich die Wehrhafften Mannes-Personen / lassen niederhauen /
Weiber und Kinder aber gefangen genommen: Worauff die übrigen / als sie des Käysers Ernst gesehen /
sich aus dem Staube gemacht / und anderswohin begeben: ( s )
Hingegen hat er das Land den vorigen Einwohnern / den Hermundurer-Schwaben / wieder eingeräumet /
auch mit andern Teutschen Völckern / als Francken / Thüringern und Sachsen ( t ) besetzet; und nachdem
er Ao. 930. oder 931. die Stadt Meissen erbauet / (welcher er von dem vorbeyfliessenden Bach Misa oder
Misna die Meise oder Meißge genandt / den Nahmen gegeben ( u ):) ist hernach das gantze Land / so zuvor unterschiedene Nahmen gehabt / ( w ) (indem ein Theil desselben Hermundura, ein ander Theil Libonotria, ingleichen Sorabia vel Sirbia, Angilia, Lummacia, Dalemincia, und so fort an / geheissen /) mit einem gemeinen Nahmen Misnia oder Meissen / und die Einwohner insgesampt Misnici, oder die Meißner genennet worden, welchen Nahmen sie noch heutiges Tages führen / und seynd hingegen die
Special-Nahmen / als der Hermundurer / der Osterländer / der Pleißner / der Sorben / der Dalemintzier
und dergleichen / nunmehro fast gäntzlich auffgehoben und verloschen.

Hierbey fällt noch dieses zu erinnern / daß zwar etlichen unter den alten und neuen Scribenten, und
sonderlich Reinerus Reineccius ( x ) und Albinus ( y ) der Meißner Ankunft und Nahmen herführen wollen
von den Mysis, welche Völcker entweder von dem Mesech, Japhets Sohne / ( z ) oder von dem Maseh
oder Mesech des Sems jüngsten Sohne/ ( a ) sollen herstammen / gleichwie die Gothen von dem Gether,
des Malech nechsten Bruder / gestalt derer beyder in der Schrifft gedacht wird: ( b ) Solche Mysi aber
sollen anfänglich in der Landschafft Scythia ( c ) oder wie andere ( d ) schreiben / in klein Asia nebenst
den Ascaniis und Caycis ( e ) gewohnet haben / (wie denn solche ihre Landschafft daher auch Mysia
und Moesia, item Mysia Asiatica ( f ) geheissen;) hernach hätten sie sich mit den Ascaniis, (so hernach
ihrer Meynung nach / Tuiscones oder Teutsche genennet worden:) vergesellschafftet / und über den
Bosphorum Thracium, so anfangs um dieser Überfahrt willen Bosphorus Mysius ( g ) soll geheissen haben / in Europan fortgezogen / und sich an dem Donau-Strohm niedergelassen.( h )
Als sie aber von den Römern bezwungen / und unter ihr Joch gebracht werden wollen / hätten sie
aus Liebe zur Freyheit / und aus Haß der Röm. Dienstbarkeit / ohngefehr umb das Jahr Christi 200.
Zur Zeit des Röm. Käysers Antonini ( i ) ihren Sitz verändert / sich in dieses Land begeben / und den
Strich zwischen der Saala und Elbe biß an das Suderische Gebirge eingenommen / und hingegen
die Hermunduros oder Schwaben daraus vertrieben / welche denn nebenst den Nariscis (so im
horridi & ignoti maris, Asia aut Africà, aut Italiàm relicià, Germaniam peteret, informem terris, asperam
coelo, tristem cultu aspectuque, nisi Patria sit? Das ist: Wer wolte doch / der grossen Gefahr des grau-
samen und unbekandten Meers / (darüber sie nemlich schiffen mus-ten:) zu geschweigen / die schönen herrlichen Länder Asiam und Africam oder auch Italiam verlassen / und sich in Teutschland / welches
doch so unförmlich und uneben ist in seinen Landschafften / ingleichen so einen unfreundlichen Himmel
(oder so rauhe Lufft:) und ein so unfruchhtbar Land hat / also daß es einem nur anzuschauen ein Grauen
macht / begeben und niederlassen / wenn es nicht sein Vaterland wäre? Darumb sagt er auch kurtz vorher: Germa-nos indigenas crediderium, minimè aliarum gentium adventibus hospitiisque mixtos: Das ist: Ich
wolte lieber dafür halten / daß die Teutschen Ingebohrne oder Eingesessene des Landes wären / und die
durch keiner frembden Völcker Ankunfft und Auffnehmung vermischt seyn.
Über diß so würde auch folgen / daß die Meißner / wenn sie von den Mysis herstammeten / ihrer
Ankunfft nach / keine Teutschen wären / (denn die Mysi sind keine Teutsche Völcker:) welches ihnen
denn zu schlechter Ehre gereichen würde: Allein das Gegentheil ist schon oben zur Gnüge dargethan
worden.

Derowegen ob gleich der obgedachte Reineccius, und der ihm dißfalls nachahmende Albinus, sich beyder-
seits lassen sehr sauer werden / umb zu behaupten / daß nehmlich das Meißner-Land von den Mysis den
Nahmen solte bekommen haben; Jedennoch aber so ist dieses viel gläublicher / daß gleichwie von den
Flüssen gemeiniglich die jenigen Völcker / so dabey oder um dieselben herumb gewohnet / ihre Nahmen empfangen; Also auch der Meißner Benahmung von dem Flüßlein oder Bach / welche an der Stadt Meissen vorbey läufft / entstanden: ( o ) Wie denn sonderlich dieser Meynung zugethan ist der Bischoff Dithmar / als welcher in seiner Merseb. Chron. ( p ) unter andern schreibet; Es habe Käyser Heinrich Anno 930. einen Berg / an der Elbe gelegen / welcher damahls mit dicken Walde bewachsen gewesen / räumen lassen / und daselbst eine Stadt gebauet / derselben habe er von einem Bach / so von Mitternachtwerts die Stadt mit berühret / den Nahmen Meissen gegeben / und sie mit Kriegs-Volck besetzet: Mit welchem auch klärlich übereinstimmet Brottuf, ( q ) wenn er also schreibet: Nachdem aber der Käyser umb das Jahr nach Christi Geburt 928. oder 930. in das Land der Sorben-Wenden / in die Ober-Laußnitz und auff die Elbe / ein Schloß an den Flecken Lupfurdum, wie ihn Claudius Prolemaeus nennet / gebauet / und das Schloß von dem Wässerlein / welches gegen Mitternacht unten am Berge fleußt / die Meisse genandt / Meissen nennen lassen / davon auch der Flecken Lupfurt Meissen genandt / und zu einer Stadt erbauet worden / so hat der Käyser dahin ein Margraffthumb des Römischen Reichs / wider die Ungarn und Wenden u. auffgerichtet. Deßgleichen schreibet er anderweit ( r ) noch deutlicher: Und der Käyser hat dem Schloß und der Stadt Meissen den Nahmen gegeben von dem kleinen Wässerlein / wel-ches unter dem Berge des Schlosses gegen Mitternacht in die Elbe fleust / die Meisse genandt: Von diesem Schlosse und der Stadt Meissen / hat das gantze Land Meissen seinen Nahmen an fänglich empfangen / da es vor alten Zeiten Hermundura, Angilia und Lybanorria geheissen / u.

Woraus denn gnugsam erhellet / daß das Meißner-Land nicht von Asiatischen oder Europäischen
Mysis; sondern von den Flüßlein die Meiß oder Misna genandt / den Nahmen bekommen / und dahero
die Einwohner desselben nicht von Mysis, sondern theils von den Sorabis, oder Sorben-Wenden /
(so noch hinterblieben:) theils von denen alten Hermunduris oder Schwaben / (derer gleichfalls auch
noch viel im Lande geblieben / oder sich von den Vertriebenen und Ausgejagten / nach und nach wieder eingefunden /) theils auch von denen Sachsen / Francken und Thüringern / so der Käyser nach Austreibung
der Sorben in diß Land gesetzt / entsprossen: Es wäre denn / daß man zuvor beweisen könte / daß die
Mysi vor dessen diesem Bächlein oder Flüßlein zu erst den Nahmen von ihrem Nahmen gegeben / und
solche hernach von den Sorben-Wenden wären ausgetrieben worden / gleichwohl aber nach etlicher
Zeit wieder dahin gekommen: Welches aber wider den Dithmarum lieffe / (der doch zu nechst umb selbige
Zeit gelebet / und dahero ihm desto eher zu gläuben / zumahl da ihn der Churfl. Sächs. geheimbde Reichs-Secreterius Herr Anthonius Wecke in seiner Dreßdn. Chronica ( s ) als einen gar Gewissenhafften / ja fast
den allerfleißigsten Geschicht-Schreiber in diesen Landen zu seiner Zeit / rühmet / der gelehrte und
wohlerfahrne Knauth aber den ältesten / fürnehmsten und bewährtesten Meißnischen Historcum ( t ) nennet:) dessen Zeugniß und Worte wir allbereit oben angeführet / und dahero billig darbey beruhen.

Zurück zur Seite Sorbenturm 2008